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Der sanfte Riese aus einer anderen Welt

Aus dem idyllischen Bodensee-Dörfchen Uttwil, einem Bauernnest, einem Platz für Fischer, ist Werner Günthör 1982 ausgezogen um die Welt zu erobern.

Die grosse Welt eroberte er sich mit einer 7,26kg schweren Eisenkugel, die er am 28. August 1986 im Neckerstadion von Stuttgart und am 6. September 1987 im Olympiastadion in Rom seinen Erzrivalen aus Osteuropa so sehr vor die Nase knallte, dass diese nicht mehr anders konnte, als dem leichtathletisch kleinen Schweizer zu seinem Europa- und Weltmeistertitel zu gratulieren.

Foto Werner Günthör
"Das Ziel bestimmt den Weg"
Werner Günthör der sanfte Riese aus einer anderen Welt. Rein geografisch: nicht einer der Muskelkolosse aus dem ehemaligen sozialistischen Europa kam in Stuttgart und Rom also zu Titelehren, sondern völlig entgegen der geltenden Tradition, ein Schweizer.

Aber auch von seinen körperlichen Gegebenheiten her: 200cm gross, 128kg schwer, 32 Jahre alt. Nicht einfach bärenstark, sondern athletisch, beweglich - perfekt. Werner Günthör profitiert von Hebelverhältnissen, um die ihn andere beneiden.

Aus einer anderen Welt kommt Werner Günthör auch von der sportlichen Vielseitigkeit her: Im kleinen Landturnverein Uttwil war er zum ersten Mal mit dem Sport in Kontakt gekommen. Nicht ganz unschuldig daran, seine zwei älteren Brüder. Sie hatten klein Werni das jüngste von drei Kindern damals mitgezerrt. Man hatte ihm die Grundlagen der Leichtathletik in alter Turnvereinmanier, aber auch die Lust am Spielen vermittelt. Korbball hatte ihn besonders fasziniert. Im Winter aber spielte er auch Eishockey in einer Juniorenmannschaft. Eben ganz so, wie es sich für einen echten Seebuben damals gehörte.

Die Vielseitigkeit ist Werner Günthör bis heute nicht abhanden gekommen. Einmalig daher sein Auftritt in der Schweizer Nationalmannschaft beim Länderkampf gegen Holland in Hengelo, standesgemäss holte er sich seine Punkte mit 20.98m im Kugelstossen, gab im Dienste des Teams eine Zugabe mit über 50m im Diskuswerfen und weil sich einer der Hochspringer vor dem Wettkampf verletzt hatte, schnürte Werner Günthör kurzum dessen Hochsprungschuhe und übersprang in sauberer Floptechnik über 2.00m. Mit 71.72m hielt Werner Günthör auch den Junioren Schweizerrekord im Speerwerfen bevor ein neuer Speer eingeführt wurde.

Nach dem dritten Platz an den Olympischen Spielen 1988 in Seoul und dem ersten Platz in der Weltrangliste von 1989 zog sich Werner Günthör bei einem Abstecher zum Boblager eine schwere Rückenverletzung zu. Die Karriere des Ausnahmeathleten stand in Frage. Es spricht für den Willen, den Ehrgeiz und den ungeheuren Einsatz von Werner Günthör, dass er nicht aufgab. Ein sensationelles Comeback feierte der Uttwiler 1991 dann mit dem zweiten Weltmeistertitel in Tokio.

Als Favorit an die Olympischen Spiele nach Barcelona gereist, wollte der einzige Erfolg, der ihm noch in seiner Karriere fehlte, nicht gelingen. Der enorme Druck, Angriffe der Presse und dilettantische Organisationsfehler liessen Werner Günthör scheitern. Ein vierter Platz verbunden mit einem zweiten Platz im Gesamt-Grand Prix der Leichtathleten mit dem Punktgleichen Kevin Young waren die Ausbeute des Jahres 1992.

Das Jahr 1993 sollte für Werner Günthör eine Revanche sein für seinen verlorenen Olympiatitel, so wollte er nicht zurücktreten. Die Weltmeisterschaften fanden in Stuttgart statt, dort wo Werner seinen Erfolgsweg begann, nämlich mit dem Europameistertitel 1986. In einem äusserst spannenden Duell mit dem Amerikaner Randy Barnes setzte sich Werner Günthör durch und wurde zum dritten Mal Weltmeister.

Mit diesem Titel schloss sich für Werner Günthör der Kreis. Dort wo seine grosse Karriere begann endete sie, im Stuttgarter Neckerstadion. Als Erfolgreichster Schweizer Leichtathlet aller Zeiten, gab Werner Günthör nach der WM in Stuttgart seinen Rücktritt vom Spitzensport bekannt auf dem Höhepunkt seiner Karriere.

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