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Interview


"Nehmt Olympia wie das Dessert!"

Vor zwölf Jahren hat er in Barcelona letztmals an Olympischen Spielen teilgenommen. Der grosse Traum von Olympiagold blieb ihm verwehrt. Dennoch ist Werner Günthör, der sympathsche 2-Meter-Mann aus dem Thurgau, noch heute der erfolgreichste Schweizer Leichtathlet aller Zeiten. Wo er heute arbeitet und lebt und welche Tipps er den Athleten mit auf den Weg nach Athen gibt, erfahren Sie im Interview.

Text Simone Hubacher

Seit ihren letzten Olympischen Spielen 1992 in Barcelona sind schon zwölf Jahre vergangen. Was für Gefühle haben Sie heute, wenn Sie an die Olympischen Spiele denken?

Foto Werner Günthör
   "Träume deinen Traum"
Die Olympischen Spiele sind ein riesiges Projekt. Als Athlet steht man während zwei Wochen im Mittelpunkt, egal ob es gut läuft oder nicht. Ich habe 1984 in Los Angeles die ersten kommerziellen Olympischen Spiele miterlebt. Heute aber ist es – kritisch gesagt – ein brutaler Gigantismus. Ich mache mir schon meine Gedanken. Sind denn solche Monsterspiele noch sicher? Ich finde es gut, dass man die Athleten schützt. Aber es gibt mir zu denken, dass es nötig ist. Denn eigentlich sollte Sport ja verbinden und Frieden erhalten. Dennoch: Die Olympischen Spiele bleiben für jeden Athleten das Schönste und Grösste in der Karriere.

Sie waren drei Mal an Olympischen Spielen: 1984 in Los Angeles wurden Sie Fünfter, 1988 in Seoul Dritter und 1992 in Barcelona Vierter. Noch heute sind Sie der erfolgreichste Schweizer Leichtathlet aller Zeiten. Olympiagold blieb Ihnen aber verwehrt. Das schmerzte bestimmt…

(schmunzelt)… NOCH bin ich der erfolgreichste Schweizer Leichtathlet. Limiten, Rekorde, alles ist vergänglich. Weltmeistertitel kann dir aber niemand nehmen. Olympiagold wäre natürlich auch mein Traum gewesen, aber es sollte wohl nicht sein. Sportlich gesehen hatten die Weltmeisterschaften bis 1988 den grösseren Stellenwert, weil an den Olympischen Spielen wegen Boykotten nicht alle Konkurrenten vertreten waren. Heute ist das nicht mehr so. Von der Mystik, der Geschichte her, ist Olympia das höchste der Gefühle.

Seit Ihrem Rücktritt sind elf Jahre vergangen. Dem Sport sind Sie aber treu geblieben…

Mehr oder weniger (lacht). Heute arbeite ich an der Fachhochschule für Sport in Magglingen. Dort habe ich ein 50-Prozent-Pensum. Ich bin zuständig für die Organisation der Führungen durch die Schule, teilweise leite ich diese auch selber. Sport-Events organisieren und die Schule gegen aussen vertreten, das sind weitere Tätigkeiten. Unmittelbar nach dem Rücktritt habe ich das Sportstudium selber absolviert, später den Diplomtrainerkurs von Swiss Olympic gemacht. Zurzeit trainiere ich keine aktiven Leichtathleten mehr.

Wann hielten Sie zum letzten Mal selber eine Kugel in den Händen?

Das war erst vor ein paar Wochen, als ich an Olympischen Spielen einer Schule in St. Stephan im Berner Oberland teilnahm. Die Schüler gaben sich unheimlich viel Mühe bei der Organisation ihrer Spiele, malten selber Fahnen für die Eröffnungsfeier und liessen mich das Olympische Feuer entzünden. Am Schluss fragten sie mich, ob ich noch eine Kugel stossen würde.

Hat sich der Mensch Werner Günthör, die Persönlichkeit, seit dem Rücktritt verändert?

Ich bin ruhiger und überlegter geworden. Früher war ich ein Hitzkopf. Heute weiss ich viel mehr, was ich will. Den Sport klammere ich dabei natürlich aus – dort wusste ich schon immer, was ich wollte. Es ist mir einigermassen gelungen, auf dem sportlichen Höhepunkt zu hören. Der Kreis schloss sich, weil ich auch emotional den Höhepunkt erreicht hatte. Ich konnte die aktive Zeit 1993 mit einem weiteren Weltmeistertitel abschliessen. Das Feuer, das in mir brannte, loderte aber nicht mehr gleich stark wie früher.

Wie und was trainieren Sie denn heute?

Im Winter spiele ich in einer Lehrermannschaft in Lyss 1-2 Mal pro Woche Eishockey. Dass wir ein Team sind und es zusammen auch neben dem Spielfeld lustig haben, geniesse ich enorm. Im Sommer nehme ich es eher gemütlich mit ein bisschen Velofahren und so. Ein grösseres Hobby für meine Frau und mich sind aber Motorschiff- und Motorradfahren.

Schlafen Sie noch immer in einem Wasserbett? Durch dieses Sponsoring-Engagement wurden Sie noch volksnaher.

Ja, mittlerweile seit 14 Jahren! Und ich schlafe nach wie vor am Besten im Wasserbett und erwache am Morgen immer ohne dass mir etwas weh tut. Schon zur aktiven Zeit brachten mich viele Menschen eher mit dem Wasserbett als mit dem Sport in Verbindung – das ist ganz interessant.

Am 13. August 2004 werden die Olympischen Spiele in Athen eröffnet. Was wird Ihnen dabei durch den Kopf gehen? Werden Sie die Spiele aktiv am Fernsehen verfolgen?

Wo Schweizer zum Einsatz kommen, werde ich die Spiele mitverfolgen. Hier in Magglingen trifft man sich ja immer wieder, weil viele hier trainieren. Die Eröffnungsfeiern, welche ich live erleben durfte, waren sehr eindrücklich. Diese Emotionen sind du Zuhause vor dem Bildschirm natürlich nie mehr so intensiv wie live.

Welchen Tipp geben Sie jungen Athleten mit auf den Weg nach Griechenland, die erstmals an Olympischen Spielen teilnehmen?

Jeder und jede reagiert natürlich anders. Einige laufen zur Höchstform auf, andere fühlen sich nicht wohl wegen dem grossen Druck von aussen. Ich würde ihnen sagen: Nehmt Olympia wie das Dessert: Nach hartem Training habt ihr euch den Traum erfüllt und euch für die Spiele qualifiziert. Das ist das Grösste. Die Teilnahme soll befreiend wirken, nicht einengend!

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